Warum die neue Herkulesbahn politisch gewollt sein sollte

Jedes Verkehrsmit­tel hat seine spez­i­fis­chen Vor- und Nachteile.  Wir alle wis­sen, wie schw­er es ist ein attrak­tives Nahverkehrsange­bot auf dem Land zu schaf­fen, beson­ders wenn die Verkehrsströme wed­er zeitlich noch räum­lich gebün­delt sind und wir es mit ein­er unendlichen Anzahl von Start- und Zielkom­bi­na­tio­nen zu tun haben, die überdies noch über den ganzen Tag verteilt sind. Hier ist der Indi­vid­u­alverkehr der unum­strit­tene Vor­re­it­er.  Der­selbe Indi­vid­u­alverkehr trifft aber sehr schnell an seine Gren­zen, wenn zum Beispiel am Ende eines Fußball­spiels 50000 Zuschauer gle­ichzeit­ig den Park­platz ver­lassen wollen, um vom Sta­dion mit dem Auto nach Hause zu fahren.

Eine solche zeitliche und räum­liche Bün­delung von Verkehrsströ­men haben wir am Weltkul­turerbe in Kas­sel, wenn zwis­chen Mai und Sep­tem­ber die Wasser­spiele im Berg­park Wil­helmshöhe stat­tfind­en.  Alle Zuschauer müssen sich am sel­ben Ort (dem Herkules) zur gle­ichen Zeit (14:30) ein­find­en, da das Wass­er an einem Tag nur ein­mal vom Berg herun­ter­fließt.  Aber darüber hin­aus haben wir die beson­dere Sit­u­a­tion eines Hauptverkehrsstroms, der nur in eine Rich­tung fließt.  Das Wass­er fließt nur bergab und unten angekom­men haben die Teil­nehmer die Wahl, den beschw­er­lichen Weg zum Park­platz am Herkules zurück­zuwan­dern und 200 Höhen­meter zu über­winden oder ein­fach mit der Lin­ie 1 zurück­z­u­fahren.  Aus verkehr­swis­senschaftlich­er Sicht haben wir die klas­sis­che Sit­u­a­tion eines zeitlich und räum­lich gebün­del­ten Verkehrsstroms, der darüber hin­aus in nur ein­er Haup­trich­tung fließt, was ide­ale Voraus­set­zun­gen für einen Schienen­verkehr schafft.

Um bei der Bew­er­tung neuer Infra­struk­tur­vorhaben die poten­zielle Nach­frage bess­er abschätzen zu kön­nen und auch die notwendi­gen Kapaz­itäten bess­er pla­nen zu kön­nen, führen Verkehr­swis­senschaftler eine Nach­frage­analyse durch. Da in den meis­ten Fällen die Verkehrsteil­nehmer die Wahl ver­schieden­er Verkehrsmit­tel haben, ist eine Modal­split-Analyse notwendig. Im inner­städtis­chen Verkehr konkur­ri­ert zum Beispiel der motorisierte Indi­vid­ualverkehr (MIV) mit dem Öffentlichen Perso­n­ennahverkehr (ÖPNV), dem Fahrrad und den Fußgängern.  Die ver­lässlich­sten Prog­nosen basieren auf den tat­säch­lichen Verkehrsmit­tel-Entschei­dun­gen real­er Verkehrsteil­nehmer in der Ver­gan­gen­heit (revealed pref­er­ence).  Nehmen wir nur zu Illus­tra­tionszweck­en an, dass eine Verkehrser­he­bung ergeben hat, dass von 10000 täglichen Pendlern 2000 den ÖPNV, 4000 den MIV, und je 2000 mit dem Fahrrad gefahren bzw. zu Fuß gegan­gen sind. Für jeden dieser 10000 täglichen Pendler muss jet­zt im Einzel­nen ermit­telt wer­den, welche Eigen­schaften jedes der zur Ver­fü­gung ste­hen­den Verkehrsmit­tel besaß. Sagen wir für Pendler 1 dauerte der Weg zur Hal­testelle 10 Minuten, ein Umstieg war nötig, die Zeit in den ÖPNV-Fahrzeu­gen nahm ins­ge­samt 25 Minuten in Anspruch, und der Weg von der Hal­testelle schlug mit fünf Minuten zu Buche.  Die Kosten betru­gen € 3,60.  Ähn­liche Fak­ten müssen für Pendler 1 auch für die anderen ihm oder ihr zur Ver­fü­gung ges­tande­nen Alter­na­tiv­en bes­timmt wer­den. Das­selbe machen wir dann mit Pendler 2, Pendler 3, etc. Da wir die tat­säch­liche Verkehrsmit­tel­wahl für jeden unser­er 10000 Pendler ken­nen, kön­nen wir mit Hil­fe ein­er Regres­sion bes­tim­men, welchen Ein­fluss jede Eigen­schaft (Zeit, Kosten, Zahl der Umstiege, etc.) auf die Verkehrsmit­tel­wahl hat­te. So eine Daten­er­he­bung wurde dann nicht nur ein­mal und nur in ein­er Stadt durchge­führt, son­dern viel­mals und in vie­len Städten und sie wer­den auch weit­er­hin regelmäßig gemacht. Wenn wir die Ergeb­nisse der ver­schiede­nen Analy­sen ver­gle­ichen, kristallisiert sich ein all­ge­mein­er Trend her­aus, mit dessen Hil­fe Rückschlüsse auf das Verkehrsmit­tel­wahl-Ver­hal­ten gezo­gen wer­den kön­nen.

Ein Ergeb­nis, das beson­ders her­aussticht, ist in welchem Maße ein Umsteigen den ÖPNV unat­trak­tiv macht.  Die Wartezeit an der Hal­testelle auf­grund eines Umstiegs wird bis zu vier­mal so beschw­er­lich wahrgenom­men wie die Zeit im fahren­den Fahrzeug.  Das heißt die Gesamt­fahrzeit von 15 min im Bus, 15 min in der Straßen­bahn und 10 min Umsteigezeit schlägt mit 15+15+4*10=1h und 10 min „gefühlter“ Fahrzeit zu Buche.

Das erk­lärt den Erfolg des Karl­sruher Mod­ells. Da der Bahn­hof etwas außer­halb des Stadtzen­trums liegt, waren die meis­ten Pendler gezwun­gen vom Vorortzug in die Straßen­bahn umzusteigen, um ihren Arbeit­splatz zu erre­ichen. So fuhren speziell aus­gerüstete Straßen­bah­nen über den Haupt­bahn­hof hin­aus auf nor­malen Eisen­bahn­streck­en in die umliegen­den Städte, was einen Fahrgastzuwachs von bis zu 400% zur Folge hat­te.  Nach Karl­sruhe hat die Regio­Tram ihren Siegeszug in Deutsch­land und Europa fort­ge­set­zt, inklu­sive Kas­sel.

Auf der anderen Seite sehen wir an Wasser­spielt­a­gen, wie Besuch­er die Zugangsstraße zum Weltkul­turerbe zuparken und kaum noch Platz für andere Fahrzeuge lassen kön­nen, geschweige denn für Fußgänger, die von ihrem gepark­ten Auto den beschw­er­lichen und gefährlichen Weg zwis­chen fahren­den Autos und Bussen zum Herkules auf sich nehmen, und das auch noch vielfach mit Kinder­wa­gen und Pick­nick­aus­rüs­tung.  Diese Besuch­er, die bere­it sind, solche Stra­pazen auf sich zu nehmen, demon­stri­eren wie keine andere Gruppe, wie inadäquat die beste­hende Alter­na­tive ist.  

Wie die erfol­gre­iche Regio­Tram einen one-seat ride zum Arbeit­splatz und in die Innen­stadt möglich machte, bietet die neue Herkules­bahn eine umsteige­freie Verbindung von einem Park-and-Ride-Groß­park­platz vor den Toren der Stadt an der A7 bis in das Zen­trum des Berg­parks an.  Das kommt nicht nur Tages­touris­ten zugute, son­dern auch den Bewohn­ern Wel­terbe-naher Stadt­teile wie Bad Wil­helmhöhe, wo die Herkules­bahn die Park­platznot entspan­nt. 

Es spricht nichts dage­gen, dass nicht nur die aus dem Los­se­tal kom­mende Lin­ie 4 bis zum Herkules fährt, son­dern dass, wenn hohe Nach­frage eine dichte Tak­t­folge von z.B. 15 min recht­fer­tigt, im Stun­den­takt drei weit­ere Lin­ien dor­thin ver­längert wer­den.  So kön­nten Direk­tverbindun­gen auch von Vell­mar, von der Ihring­shäuser Straße oder sog­ar von Bau­na­tal ange­boten wer­den.  Auch Über­nach­tungs­touris­ten und Kas­se­lan­er prof­i­tieren dann von einem umsteige­freien Zugang zum Herkules.  Die Zielor­tanzeige der Trams „Herkules“ würde dann fast in der ganzen Stadt und vie­len Teilen der Region regelmäßig zu sehen sein und sich langsam zu einem für Kas­sel prä­gen­den Wahrze­ichen entwick­eln.  Alle Straßen­bah­nen fahren langsam durch die Königsstraße, wo vor allen Din­gen Auswärts­be­such­er die Schaufen­ster bestaunen und für die Rück­fahrt ohne Park­platz­sor­gen einen Einkaufs­bum­mel ein­pla­nen kön­nen.    

Laufende Betrieb­skosten der KVG wür­den sich nicht wesentlich erhöhen, da neue Trieb­wa­gen aller Wahrschein­lichkeit nicht notwendig wären.  Die Anzahl der vorge­hal­te­nen Fahrzeuge wird durch die Nach­frage in der mor­gendlichen Stoßzeit bes­timmt. Während dieser Zeit muss die Herkules­bahn nicht zwin­gen­der­weise bedi­ent wer­den.  Damit ent­fie­len zusät­zliche Fixkosten für Fahrzeuge und Fahrper­son­al.  Der Feier­abend­verkehr erstreckt sich über einen etwas län­geren Zeitraum, was mehr Flex­i­bil­ität in der Fahrplangestal­tung ermöglicht.

Alle Straßen­bahnzüge der KVG kön­nen 8% Stei­gung müh­e­los über­winden, was für die Zent­grafen­straße zwis­chen den Hal­testellen Teich­straße und Kirche Kirchdit­mold notwendig ist.  Die Nei­gung auf der Steil­strecke von Neuhol­land zum Herkules von 8% war wed­er ein Prob­lem für die his­torische Herkules­bahn noch wird es eins für die mod­er­nen Straßen­bah­nen wer­den.

Den Bärenan­teil der Baukosten wer­den vom Bund und dem Land Hes­sen über­nom­men.  Hier geht es nicht um die Frage „Wür­den wir für das Geld nicht bess­er eine Schule bauen?“  Bund und Län­der entschei­den, welch­er Prozentsatz der Steuergelder in die Bil­dung und welch­er Prozentsatz in den öffentlichen Nahverkehr investiert wird. Die Frage müsste bess­er laut­en: „Wenn die Herkules­bahn nicht gebaut wird, welche andere Kom­mune würde dann das Geld für ihren öffentlichen Nahverkehr bekom­men?“

Die Rah­menbe­din­gun­gen für das Kas­sel­er Pro­jekt sind fast per­fekt.  Während der Wasser­spielt­age am Wel­terbe haben wir Verkehrsströme, die sowohl räum­lich als auch zeitlich gebün­delt sind, und über dies hin­aus in ein­er Haup­trich­tung fließen.  Die jet­zige Sit­u­a­tion auf der Zufahrtsstraße ist so chao­tisch und gefährlich, dass sie nicht länger hin­nehm­bar und eines Wel­terbes nicht würdig ist.  Es ist kaum vorstell­bar, dass uns eine andere Kom­mune mit einem noch per­fek­teren Pro­jekt die Fördergelder strit­tig machen kön­nte.

Damit Kas­sel den Zuschlag erhält, ist es natür­lich wichtig, dass die Stadtverord­neten­ver­samm­lung ein­stim­mig oder zumin­d­est fast ein­stim­mig hin­ter dem Pro­jekt ste­ht.  Dazu braucht es den poli­tis­chen Willen und vor allen Din­gen außeror­dentliche Führungsqual­itäten.  71 Stadtverord­nete, in anderen Worten 71 ver­schiedene Per­sön­lichkeit­en zu einem mehr oder weniger ein­stim­mi­gen Beschluss zu führen, ver­langt eine große Überzeu­gungskraft und ein starkes Durch­set­zungsver­mö­gen und hoch entwick­elte soft skills. Die näch­sten Monate und Jahre wer­den zeigen, wer in der neu gewählten Stadtverord­neten­ver­samm­lung den Mut und die Aus­dauer hat, ein solch­es Pro­jekt über die Ziel­ger­ade zu führen und die Infra­struk­tur­in­vesti­tio­nen für Kas­sel zu sich­ern.

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